HUNDE - Verantwortung & Erziehung

Liebe ab Woche drei. Eine bewegende Geschichte zwischen Hund und Mensch!

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Wie bei der Geschichte "Die Frau und der Schmetterling" hat uns mal wieder eine sehr interessante Geschichte erreicht. Ein besonderes Verhältnis zwischen einer Frau und ihrem Hund. Viel Vergnügen! 

Der erste Wurf mit meiner Hündin. Eine großes Erlebnis, viel Sorge... viel, viel mehr Freude, später nach Wochen dann Abschiedstränen.

Nur eine blieb.

Die Kleinste bellte mich an - bereits in ihrer dritten Lebenswoche. Sie hatte gerade die Augen geöffnet, noch kaum optische Orientierung - hörte mich ins Zimmer kommen, sah hoch und bellte. Ich war verblüfft und sprachlos, musste schmunzeln... dieser kleine Drops mit dickem Bauch, wackligen Schritten, bläulichen Welpenaugen, kaum sitzend, zahnlos, gerade satt abgefallen von der Zitze  - und bellte mich an.

Da war es eigentlich geschehen um mich. Die Namen begannen mit „A“ - ihr ausgewählter Name bedeutet: „die Suchende“.

Nein, noch wehrte ich mich, jedenfalls war mein Versuch doch vorhanden wenngleich er sich mit jedem Tag verringerte. Ich wollte sie nicht bevorzugen,  ungewiss beobachtete ich sie. Weder ein zusätzliches kuscheln noch irgendeine Art von besonderer Aufmerksamkeit, nein, eher aus dem Augenwinkel und ständige Fragen: wollte ich es wirklich? 

Ein freches Hunde-Baby, das stets an erster Stelle mütterlich erzogen wurde. Wusste die Mutterhündin mehr als ich selbst? Wollte sie von Anbeginn der Kleinen einen Platz zuweisen, nämlich den letzten in der Hierarchie? Die Kleine war immer dran und sie durfte nichts, absolut gar nichts. Ihr Welpenleben in den ersten acht Wochen bestand vorrangig aus Verboten und gröberen Erziehungsmaßnahmen der Hündin. Und sie tat mir so manches Mal ehrlich leid. Ich fragte mich so oft: was soll nur aus ihr werden, wenn sie rein gar nichts darf? Ich zeigte mein Mitgefühl nicht, ging weg, wenn mir das Zuschauen schwer wurde, wollte nicht eingreifen. Wie oft lag sie in „Maikäferstellung“ strampelnd auf dem Rücken? Andererseits konnte ich ebenso die mütterliche Seite verstehen, wenn die Kleine fast hinterhältig einen ihrer Geschwister überfiel, mitten aus dem Schlaf riss und ihn aufs gemeinste ärgerte: Ohren „lochen“ mit spitzen Welpenzähnen an erster Stelle, dann an der Rute ziehen oder Spielzeugklau, einfach so... mal schauen, was passiert mit dem pfiffigen Ausdruck: „ich war es nicht“.

Eine ihrer Schwestern wurde später erwartet bei ihren neuen Besitzern. So blieben sie beide länger zusammen, draußen... so gern hätte ich „meine“ Kleine reingeholt, denn die Entscheidung war gefallen. Hatte ich bei ihrem Blick überhaupt eine Wahl?   

Sie schlief immer im Sand, im Wind, im Regen bis zum vierten Monat - ihr frei gewählter Platz, hingegen ihre Schwester die Wärme der Höhlenhütte suchte und sich dort einrollte. Oft trug ich meine Kleine rein zu ihr, ging und sah später: wieder legte sie sich in den kühlen Sand bei Wind und Wetter an eine ungeschützte Stelle. Warum? Wer weiß das schon - sie tut es noch heute von Zeit zu Zeit.

Eine Beziehung war längst entstanden. Bei ihrem festen sicheren Blick: „ich bleibe, ich werde nicht abgeholt“ war jede Form von Widerstand zwecklos. Wenn Besucher für ihre Geschwister kamen, saß sie teilnahmslos daneben und sprach mit ihren Augen: „Ich bin nicht dran. Mich betrifft das nicht. Keinesfalls.“

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Sie fiel auf, weil sie „effektiv“ reagierte - keinen Schritt umsonst im Gegensatz zur Mutter, die keine Hindernisse scheute, wenn sie rennen wollte - sich selbst zu liebe, die eine Hocke mit der Steilwand verwechselt und mit dem Bringholz im Maul die Hocke hochspringt, um drüber zu springen - vor Lust, vor Lebensfreude, voll ungebremster Energie und zügellos, runterfällt, sich kurz aufrichtet, während all dieser Zeit das Bringholz fest trägt und weiter rennt - um des Rennens willen....

Nein, die Kleine wartete ab, beobachtete die Situation in der Natur, klinkte sich erst dann ein, wenn ihr Tun ihr einen unbedingten Erfolg sicherte. Rannte die Große nach dem Ball durch die Wiesen, rannte die Kleine ein winziges Stück mit, legte sich tief ins Gras und lauerte, bis sie die Große überfallen und ihr den Ball wegnehmen konnte. 

Oft überlegte ich, ob diese Hündin sich überhaupt eignen könnte für irgendeine der Ausbildungen oder Prüfungen, die ich mit ihr - da sie nun blieb - vorgesehen hatte. Aus Züchterkreisen hörte ich: behalte nicht die, sondern die andere. Meine Entscheidung (nein, ich hatte gar keine Wahl...) war jedoch gefallen: es war ihr selbstverständlicher, ruhiger, unberührter Blick: „ ich bleibe“ - dagegen blieb ich völlig machtlos.

Wir wollten wenigstens eine Begleithundeprüfung ablegen - den kleinen Knigge für Hunde - sie mit ihrem Eifer, endlich was zu lernen (kennen Sie den Blick der Kinder bei der Einschulung?... und dann beim ersten Erfolg?) - ich mit meinem Bauchgefühl, es sollte alles anders werden, nämlich auf freiwilliger Basis – so wie wie einst: ohne Hundeschule, ohne Stress, ohne Befehlston, normal, ein Hund mit Manieren, einfach so.

Also begann ich mein Zehn-Minuten-Training... das übliche Sitz, Fuß, Platz, nacheinander... ohne größere Hoffnung auf Erfolg.

Unser Training baute auf ihr Grundwesen auf: effektiv, nützlich für sich selbst.

Gehorsamsbefehle widerstrebten mir, so wie Leinenrucke und all die anderen unzähligen Moden, Methoden und Hilfsmittel, deren Auswahl sich von Jahr zu Jahr erweitern. 

Es gab bei uns nur eine Lederleine zwei Meter lang und ein Halsband, sie und mich. Ich sprach sehr leise, ich ging sehr langsam - ich wurde beobachtet: von ihr. Jede meiner Bewegungen wurden registriert, „bewertet“, verfolgt, geprüft, verarbeitet und machte sie etwas richtig ganz zufällig, gab es das Leckerli im Flug. Schnell bemerkte ich, dass sie in meinem Gesicht las, meine Körperhaltung interpretierte, meine Mimik betrachtete und zudem Signale deutete, die ich gar nicht als Signale meinte. Ein gerades Stehen bewegte sie dazu, neben mir zu sitzen und mich anzuschauen - denn NUR dann gab es das erhoffte Leckerli, ein Streicheln oder einen ruhigen, freundlichen Ton. 

Effektiv - in ihrer Art - machte sie schnell einfach alles richtig. 

Ich forderte nicht - ich ließ zu: mir meine neuen Erfahrungen und ihr die ihren. 

Nach den allerersten zehn Minuten erinnerte ich: in der Schule hätte man sie eine Streberin genannt - keine Chance für mich irgendetwas zu korrigieren - sie schaute mich an, tippelte neben mir wie ein Pferdchen, wollte mir gefallen. All ihre Bemühungen waren zielorientiert: etwas richtig machen, mir gefallen für ein gutes Wort, für eine gute Stimmung. Effektiv aus ihrer Sicht, denn nur Frieden im Rudel garantiert ihr ein gutes Leben. Was um uns rum passierte, gehörte nicht in ihren Beobachtungsraum. Unglaublich, ich hatte so etwas bisher nicht erlebt und war dankbar für jeden neuen Tag, um endlich mit ihr am kommenden Tag die zehn Minuten unseres Lernens zu genießen. Und es war ein Genuss - der ist es bis heute, auch ohne Leckerlis - ihre ansteckende Freude und Aufmerksamkeit, ihre Bereitwilligkeit und Dankbarkeit. Ein Zugewinn an Lebensfreude, der nicht vergleichbar scheint. 

Das Erlebnis, was mein Vertrauen zu ihr endgültig besiegelte, war die Begleithundeprüfung. Mal abgesehen davon, dass ich selbst Prüfungen nicht mag, meine Aufregung nie unterdrücken kann und oft gerade dann einen kompletten Blackout habe, gingen wir doch zum Termin. Normalerweise schläft sie im Auto auf der Hinfahrt, diesmal nicht. Sie saß, hechelte, war aufgeregt und äußerst unruhig - obgleich ich mich im Vorab sehr gleichgültig benahm, um keinesfalls den Anschein zu erwecken, es stünde etwas an. Nein, Hunde sind viel sensibler - sie wusste, fühlte, beobachtete: „Es passiert heute etwas wichtiges, etwas anderes.“

Wie absehbar: Ich vergaß alles - das wenige, was man sich als Mensch durchaus merken kann - es war weg, das schwarze Loch in meinem Kopf riesengroß. Weder wusste ich, wann ein Sitz, wann ein Platz, warum dies, warum jenes, sollte ich laufen, sollte der Hund sitzen bleiben - alles war weg. Einer half, gab mir hinterm Zaun die Anweisungen, ich sprach mechanisch nach. Mehr nicht. ABER: Sie lief wie sie es gelernt hatte, abrufbar, verließ mich nicht, hielt zu mir, machte, was sie machen sollte, verwechselte nichts im Gegensatz zu mir, kam auf Rufen wie aus dem Katapult geschossen unendlich freudig, saß vor, blieb im Platz liegen - mich beobachtend, während ich betend in mich hinein nuschelte: bitte bleib liegen, Hund, bitte! Dann die Umweltprüfung: sie musste angebunden werden, die Wahl fiel auf eine Tankstelle. Ich band ihre Leine fest und hatte zu gehen, sie zu verlassen - weit weg aus ihrem Blickfeld. Das hatten wir nie geübt, was wird passieren? Mir wurde schlecht: was wird sie denken? „Ich setze sie aus“,  ich fühlte mich wie ein Verräter.

Sie schaute mir nicht nach: „Frauchen hat entschieden, ich muss hier warten, dann tue ich das, das ist jetzt so, das muss so sein.“ Uneingeschränktes Vertrauen. Wir bestanden die Prüfung.

Sie hielt zu mir. Bemerkte meine Unsicherheit, überbrückte alles - freudig, unbeeindruckt tat sie, was sie gelernt hatte. Ohne Irritation in ganz anderen Reihenfolgen tat sie junghundfreudig und besonnen, was sie zu tun hatte. Mein Erfolg war der, dass sie es, wie im guten Tiertraining mit Geduld und ohne Druck, ausschließlich über artgerechte Kommunikation gelernt hatte. Eine unglaubliche neue und wunderbare Erfahrung!

Die Bindung, ausgeprägt und innig, eine Sprache mit Blicken, tiefes Vertrauen, gegenseitige Achtung, Respekt, keinerlei Anzeichen für „hündische Unterwürfigkeit“, nie eine Enttäuschung, kein Vertrauensbruch - wir sprechen mit Blicken. Sie begleitet mich immer: bei Regen, Nässe, Kälte, bei Wind und Wetter, ich auf Ski und sie durch die Schneewehen, im Dunkeln, in der Stadt, durch Menschenmengen, in der freien Natur, schaut mich an, kann meine Gedanken lesen, bevor sie mir selbst bewusst werden. 

Bin ich traurig, rückt sie nahe an mich heran. Bin ich wütend, leckt sie mir mit trockener Zunge die Hände ab, um mich zu beruhigen. Nehme ich ihr Halsband, blitzen ihre Augen und ihre Freude ist überschwänglich, sie weiß: mit Halsband „geht es los“, sie, die nie ein Halsband trägt.... Dass Hühner nur wichtig zum Eierlegen sind, verstand sie schnell ohne es lernen zu müssen - sie holte sich die Eier unter der Glucke heraus. Auch ohne meine Anwesenheit respektiert sie die Hühner. 

Habe ich einen schlechten Tag, ist sie nicht zu sehen oder kommt zu mir, strahlt mich an - nie fordernd, sondern „lächelnd“ aufmunternd: Frauchen, alles nicht so schlimm - ich bin doch da! 

Eine Hündin, die sofort aus dem letzten Winkel des Grundstückes zu mir kommt, wenn ich im Beet aufkreische, weil ich in eine Nacktschnecke gefasst habe und mich ableckt mit trockener Zunge ganz vorsichtig, sich dichter neben mich legt - fast beschützend, dann auf den Rücken rollt wie ein Maikäfer - regungslos still minutenlang und ich muss zweimal schauen: ist sie tot? Nein, ist sie nicht - sie liegt auf dem Rücken mit nach „oben“/ nach unten gefallenen Lefzen, als würde sie lächeln -  nein, es ist die Schwerkraft - und wartet auf ein Echo oder vielleicht auch nicht? Genießt es einfach nur so da zu liegen, voller Vertrauen in ihre Umgebung, in das Geschehen, zu mir.

Vor dem Abendbrot eine Beinscheibe für beide. Sie isst stets langsam und nagt den Knochen genüsslich und sauber ab, dann bringt sie ihn mir und legt ihn auf den Tisch neben die vorbereitete Grill-Fleischschale und sieht mich wartend an.

Fragend, nicht bettelnd,  meine Reaktion abwartend so, als ob ich zu langsam begreifen würde, was sie mir anbietet: Beutetausch. „Geb ich Dir, gibst Du mir“. Schlechter Tausch aus meiner Sicht. Guter Tausch aus ihrer Sicht - komplett effektiv, oder?

Sie, die ihr Spielzeug im Teich wäscht und das zum Ritual machte. Sie beobachtete es bei mir. Es war schmutzig in die Modder gefallen, sie mochte es so schmutzig nicht. Also waschen im Teich, einmal, zweimal. Seither tut sie es selbst. Schmeißt es hinein, taucht es unter, quetscht es aus und bringt es mir.

Eine Kommunikation auf anderer Ebene - ohne viele Worte. Sie, die mir anzeigt mit lautem wolfsähnlichem Geheul, dass das Handy klingelt - ich höre es nicht, wenn ich auf dem Grundstück bin und wir übten es nicht. Es war ihre eigene Idee. Idee? Vermutlich. 

Wissen wir zu jeder Zeit, was in unseren Hunden vorgeht? 

Sie ist der Hund, der auf das Sofa kommt (Hundetrainer würden die Hände überm Kopf zusammenschlagen...) - nie aufdringlich, sondern fragend und um nahe bei mir zu sein. Braucht den unbedingten Körperkontakt, die Nähe, kennt es seit ihrer Welpenzeit vom ersten Tag an. Es stört sie nicht, wenn ich meine müden Beine auf ihren Körper lege, mich anlehne und sie ein Stück beiseite drücke oder ihre kräftige Brust als Kopfkissen benutze. Irgendwann, wenn es ihr zu warm wird, geht sie, schaut sich um, ob das in Ordnung ist, fällt in den Tiefschlaf auf dem Boden ein Stück weiter. 

Manchmal liegt auch der Kater auf meinem Schoß, dann leckt sie ihn zur Begrüßung komplett ab, was dieser sich halb willig, halb unwillig gefallen lässt. Manchmal scheint er es zu genießen - manchmal nicht. Sie jedoch weiß, wie weit sie gehen darf. Sie erwartet ihn abends - schaut sehnsüchtig und ausdauernd zur Fensterbank. Manchmal wird er abgeknabbert und innig liebkost und manchmal legt sie ihren Kopf auf ihn und beide schlafen minutenlang ganz tief, bis es dem Kater zu schwer wird. Wenn ich dem Kater eine Zecke entfernen muss, ihn festhalte und er darum gequälte Töne von sich gibt, brummt sie daneben beruhigend und zeigt mir, dass ihr das ganz und gar nicht gefällt - sie würde ihren Freund verteidigen, in jedem Fall!

Morgens weckt sie mich nicht - sie liegt still gegenüber, rührt sich nicht, blinzelt manchmal regungslos und wartet, bis ich mich zuerst rühre. Dann kommt sie verschlafen zu mir, räkelt sich zum aufwachen, stöhnt lange und ausgiebig, ist um mich, wenn ich meinen ersten Kaffe trinke, während ihre Mutter selbstständig das Grundstück inspiziert. 

Sie bleibt mir nahe und ist eine besondere Hündin geworden mit ihrem festen Blick aus der ersten Zeit: „Ich bleibe für immer - bei Dir“. Sie hat mir ihr uneingeschränktes Vertrauen geschenkt - wahrlich keine Selbstverständlichkeit, sondern das kostbarste Geschenk, was einem Hund möglich ist.

Und wenn Sie mich jetzt fragen: was für ein Hund ist denn das? - dann sage ich: es ist ein Schäferhund mit allen Trainingsstunden, die seiner Rasse abverlangt werden, inklusive des Schutzhundtrainings.
Sie ist ein Spiel-, Kuschel-, Fährten-, Schutz- und Familienhund, ein Freund und ein Partner - der beste Hund dieser Welt! 

So wie alle Hunde.


Wir durften die Geschichte und das Foto mit freundlicher Genehmigung der Autorin Christine Becker veröffentlichen.

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