
Es gibt Geschichten, die will es eigentlich nicht geben. Heute erzählen wir Ihnen eine Geschichte über einen Schmetterling. Jetzt fragen Sie zu Recht, was hat ein Schmetterling mit Hunden, Katzen, Kaninchen und Meerschweinchen zu tun? Alles Themen, zu denen wir hier ausschließlich schreiben wollten. Sie haben recht - nichts - aber das, was einer Frau und einem Schmetterling passierte, ist so ungewöhnlich, dass wir nicht umhinkommen, Ihnen diese Geschichte zu erzählen.
Am dritten Februar 2010 passierte es. Frau Schneider kam von ihrer täglichen Arbeit nach Hause (Anmerkung der Redaktion: Der Name ist nicht gefälscht und es handelt sich wirklich um eine wahre Geschichte). Es war ein relativ milder Tag für diese Jahreszeit und vor allem für diesen Winter. Ein Tag wie jeder andere, dachte sie als sie ihre Eingangstür aufschließen wollte. Doch was war das? Direkt vor ihrer Tür saß ein kleiner Schmetterling. Er war noch so zierlich, dass er höchstens ein paar Tage, vielleicht einige wenige Wochen, alt gewesen sein konnte. Und er flog nicht weg. Nichts veranlasste ihn vor der potentiellen Gefahr, durch einen so großen "Gegner" wie einem Menschen, wegzufliegen. War er zu schwach wegen der kalten Tage die zuvor geherrscht hatten? In diesem eisigen Winter, in dem man sich ohnehin die Frage stellen konnte, wie kann bei solchen Bedingungen überhaupt etwas in der freien Natur überleben. Was sollte sie unternehmen? Diese Frage stellte sich Frau Schneider, die im Übrigen sehr, sehr tierlieb ist, immer wieder.
Sie schloss die Tür auf, ging hinein und legte erst einmal ihre Sachen ab. Dann eilte sie wieder zur Tür, öffnete sie vorsichtig und sah ihn immer noch dort sitzen. Er erschien völlig leblos und so entschloss sie sich, ihn vorsichtig zu ergreifen um ihn in die deutlich wärmere Stube zu bringen. Dort angekommen, setzte sie ihn vorsichtig auf dem Küchentisch ab. Zunächst passierte überhaupt nichts, aber die Wärme machte ihn zusehends munterer. Er schlug mal mit den Flügeln und wanderte auch ein paar Zentimeter hin und her. Jetzt konnte sie erkennen, dass es sich bei ihrem Schmetterling eindeutig um ein Pfauenauge handelte. Sie erkannte die typischen bräunlich roten Augen auf den beiden Flügeln.
Aber was sollte sie nur tun? Frau Schneider grübelte und kam zu dem Gedanken, dass er vermutlich Durst haben könnte. Sie stand auf, ging zur Spüle, füllte ein wenig Wasser in ihre Hand und ging zurück zum Tisch. Vorsichtig streckte sie ihm ihre Hand entgegen. Langsam und behutsam hob sie den Schmetterling mit ihrer anderen Hand direkt vor den Wasserrand und wartete geduldig. Und tatsächlich, nach kurzer Zeit schob er seinen Saugrüssel ganz vorsichtig raus und begann zu trinken. Ganz behutsam rollte er den Rüssel nach zwei! Stunden wieder ein. Jetzt erst schien sein Durst gestillt und er machte den Eindruck, seine Ruhe haben zu wollen. Was jetzt?
Frau Schneider überlegte sich, ihm einen kleinen Schlafplatz am Küchenfenster zu bauen. Sie sammelte ein paar Zweige und drapierte sie so, dass er dort sicher und geschützt ruhen konnte. Am nächsten Morgen kaufte sie eine Rotlichtlampe und Holunderblütensirup. Sie hoffte, dass ihm die zusätzliche Wärme, die er ja eigentlich in der Natur bekommen müsste, gut täte. Der Sirup und sein Zucker sollten ihm Nahrung und Kraft fürs Wachstum geben. Und tatsächlich, die stundenweise Vergabe von Wärme und Nahrung, das Trinkverhalten, beziehungsweise die Nahrungsaufnahme dauerte immer noch sehr lange, zeigten ihre Wirkung. Er wurde zusehend munterer und nahm an Kraft zu. So vergingen die ersten Tage. Der Kleine bekam regelmäßig etwas zu essen und ebenso regelmäßig gönnte ihm Frau Schneider die wohltuende Wärme aus der Rotlichtlampe.
In den nächsten Tagen machte Frau Schneider sehr interessante Beobachtungen. Eine Hand zwei Stunden ruhig geöffnet zu halten ist sehr anstrengend. Deshalb suchte sie nach Alternativen, aus denen er trinken könnte. Sie versuchte viele Dinge aus. Deckelchen von Flaschen, Tellerchen oder Untersetzer aber es half nichts, er wollte aus keinem trinken, bis auf eine Ausnahme. Ein roter Plastiklöffel, das war es. Daraus trank er genauso behutsam wie aus ihrer Hand. Aber es musste genau dieser rote Plastiklöffel sein. Aus einem silberfarbenen Metalllöffel trank er nicht. Sie testete das noch ein paar Mal aus, aber es war immer der gleiche Widerstand festzustellen. Der Kleine trank nur von dem roten Plastiklöffel. Warum das so war, bleibt wohl immer sein Geheimnis.
Vergleichbar störrisch war der Kleine ebenso bei seiner Nahrung. Sie sollte ja nicht so einseitig sein. Deshalb kaufte Frau Schneider verschiedene Blumen die sie liebevoll in der Küche und vor allem an seinem Lieblingsplatz, dem Fensterbrett, platzierte. Aber er wollte davon nichts wissen, genauso wenig wie von diversen Sirup- und Saftarten. Nichts ging, es musste der Holunderblütensirup sein. Basta!
Aber Frau Schneider machte sich auch Sorgen. War es richtig von ihr den Schmetterling nicht wieder in die Freiheit zu entlassen? Dieser Winter war zu hart, das könnte er nicht überleben, dachte sie sich, behielt ihn bei sich und hatte vermutlich auch recht damit. Langsam begann der Kleine zu fliegen.
Und weitere Gefahren, die man so gar nicht erahnen würde, bedrohten das Leben des kleinen Schmetterlings. Reste von Flüssigkeiten in Tassen waren ebenso gefährlich für ihn, wie Vasen. Fast wäre er einmal in eine Vase gefallen. Nachdem Frau Schneider diese Bedrohungen erkannt hatte, wurde alles zugedeckt. Selbst wenn sie beim Spülen zum Telefon gerufen wurde, deckte sie vorher noch schnell ein Handtuch über das Spülbecken und eilte erst dann zum Hörer. Was ebenso gar nicht ging, war die Küche im Dunkeln zu betreten. Er war nämlich auch auf dem Boden unterwegs.
Und dann passierte etwas sehr erstaunliches. Frau Schneider bemerkte, dass er auf ihre Stimme reagierte. Wenn sie ihn rief bewegte er sich in ihre Richtung, faltete die Flügel auseinander, flog auf sie zu und landete auf ihrer Schulter. Dort blieb er teilweise stundenlang sitzen und folgte in dieser Position seiner Retterin durch die ganze Wohnung. Frau Schneider wollte nicht glauben, dass er wirklich auf ihre Stimme hörte. Aber es war so. Sie machte immer wieder Tests. Mit Rufen und ohne. Es war unglaublich aber wahr. Der Schmetterling reagierte immer wenn sie ihn rief, landete auf ihrer Schulter, auf dem Arm oder vor ihrer Hand auf dem Tisch und krabbelte auf ihre Finger.
Regelmäßig führten die beiden Flugversuche durch. Frau Schneider wollte sicher gehen, könnte sie ihn irgendwann in die freie Natur zurückbringen, dass er auch genug Flugerfahrung und vor allem Kraft bekam. So nahm sie ihn immer wieder, setzte ihn auf ihre Hand und pustete, so dass er flog, ein paar Runden drehte und dann wieder an seinen Lieblingsplatz am Fenster landete. Hier saß er am Tage so gerne, weil ihn die Sonne wärmte. Frau Schneider konnte regelmäßig beobachten, wie er seine Flügelchen öffnete und wieder schloss - ohne zu Fliegen. Für sie war das ein klares Zeichen dafür, dass es ihm gut gehen musste. Nachts saß er aber am liebsten auf dem hölzernen Küchenschrank. Ab und an musste sie ihn morgens suchen, weil er sich naturgemäß in den Ritzen des Schrankes versteckt hatte.
Eines Tages machte Frau Schneider noch eine weitere interessante Beobachtung. Ihre Eltern waren zu Besuch und der Schmetterling, er kannte bis jetzt ja nur einen Menschen, wurde sehr nervös. Er flog bei der Anwesenheit ihrer Eltern wild umher, kam nicht zur Ruhe und landete immer wieder an der Fensterscheibe. Frau Schneider überlegte nicht lange, packte den Kleinen und brachte ihn aus der Küche ins Schlafzimmer, wo außer ihr niemand war. Sichtbar erleichtert, ohne den Stress, den andere Menschen wohl bei ihm auslösten, setzte er sich und wurde sofort wieder der "Alte".
Mittlerweile war es Mitte März geworden. Sechs Wochen lebten die Beiden in trauter Harmonie. Draußen war es deutlich wärmer geworden. Der Zeitpunkt, ihn der freien Natur zu übergeben, war gekommen. Selbstverständlich wollte Frau Schneider ihn auf gar keinen Fall irgendwo freilassen. Seine Überlebenschancen stiegen im Grünen ja deutlich an. So hatte sie kurze Zeit vorher in der Nachbarschaft Gärten entdeckt, in denen schon viel blühte. Dorthin ging sie eines schönen Mittags mit ihrem Schmetterling. Sie nahm ihn aus seiner Schachtel und setzte ihn auf ihre ausgestreckte Hand. Dann pustete sie. Aber er flog nicht. Sie versuchte es erneut. Und jetzt - endlich - hob er ab. Er flog ein paar Meter von ihr fort, drehte um, flog noch einmal auf sie zu, drehte kurz vor ihr einen Kreis, so als wolle er sich verabschieden und noch ein letztes mal Danke sagen, um dann erneut wieder abzudrehen und fortzufliegen. Frau Schneider war erregt vor Freude und beobachtete ihn so lange, bis sie ihn nicht mehr sehen konnte. Sie hatte alles richtig gemacht und war zu Recht stolz auf sich und ihren Schmetterling. Und trotzdem kullerten Tränen aus ihren Augen. Wer will es ihr verdenken? In den nächsten Tagen bedrückte sie die Leere in ihrer Wohnung. Es war nichts mehr dort, worüber sie sich hätte freuen können. Und wenn sie heute einen Schmetterling sieht, muss sie sich immer wieder an ihren Kleinen erinnern und fragt sich wie es ihm wohl ergangen ist. Bezeichnend sind auch ihre letzten Schilderungen an uns: Schmetterlinge sind doch wie Blüten der Luft...
Wir bedanken uns bei Frau Schneider in doppelter Weise. Erstens, dass es noch Menschen gibt, die Tieren auf so eindrucksvolle Weise helfen und zweitens dafür, dass sie uns die Geschichte erzählt hat und wir Ihnen davon berichten durften. Sie können ja auch Ihre Meinung oder Ihre Grüße an Frau Schneider richten. Dafür ist ein Blog ja nun mal auch da. Und wer eine vergleichbar berührende Geschichte erzählen möchte, darf sich gerne an uns wenden. In diesem Sinne wünscht Ihnen Familie Barich
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